Spastische Spinalparalyse – Übersicht
von Dr. Carsten Schröter
Zur Genetik:
www.spastische-spinalparalyse.de/genetik
Zur Therapie:
www.spastische-spinalparalyse.de/therapie
Die
spastische Spinalparalyse –
Einleitung
Erstmals
wurde die spastische Spinalparalyse vom deutschen Neurologen Struempell
im Jahre 1880 anhand eines Brüderpaares beschrieben und später von
Lorrain ausführlicher diskutiert. Deshalb wird sie auch oft als
Struempell-Lorrain-Syndrom sogar in der angloamerikanischen
Fachliteratur bezeichnet. Andere Namen der Erkrankung sind hereditäre
(=vererbliche) spastische Paraplegie (HSP) und familiäre spastische
Paraparese (FSP).
Etwa
zwei bis zehn von 100.000 Personen leiden unter dieser Krankheitsgruppe.
Die spastische Spinalparalyse ist nämlich keine einzelne Erkrankung,
sondern stellt eine Gruppe von genetisch und klinisch unterschiedlichen
Erkrankungen dar. Diese sind charakterisiert durch eine spastische
Tonuserhöhung (Steifigkeit) der Muskulatur der Beine. Klassifiziert
wird die spastische Spinalparalyse nach der Vererbungsart und den
Symptomen. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Genen aufgedeckt,
die mit der Krankheit verbunden sind. Bei einigen Formen ist sogar das
Produkt, welches durch das Gen produziert wird, bekannt. Hieraus leitet
sich auch die Hoffnung ab, die Abläufe, die zum Auftreten der
Erkrankung führen, genauer zu verstehen und das Fortschreiten der
Erkrankung eines Tages zuverlässig beenden zu können. Im folgenden
werden nach einer tabellarischen Übersicht der verschiedenen Formen die
Symptomatik und der Krankheitsverlauf dargestellt.
Die spastische Spinalparalyse – Übersicht
Zur rascheren Orientierung haben wir die folgende Tabelle aus unserer Internet-Seite www.spastische-spinalparalyse.de/genetik hier noch einmal eingefügt.
Die spastische Spinalparalyse – Was
ist Spastik?
In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie wird die Spastik definiert als „erhöhter, geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand des nicht willkürlich vorinnervierten Skelettmuskels“. „Spastik im Sinne dieser Leitlinie wird definiert als gesteigerter, geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur, der als Folge einer Läsion (Schädigung) deszendierender (absteigender) motorischer Bahnen auftritt und in der Regel mit anderen Symptomen wie Muskelparesen (Schwächen) und Verlangsamung des Bewegungsablaufes, gesteigerten Muskeleigenreflexen und pathologischen Fremdreflexen einhergeht“.
Verkürzt
gesagt handelt es sich also um einen erhöhten Dehnungswiderstand der
Muskulatur nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems (Gehirn
und Rückenmark), der vom Patienten als Steifigkeit bemerkt wird.
Die spastische Spinalparalyse –
Symptomatik
Unterschieden
wird die spastische Spinalparalyse in zwei Hauptgruppen. Als
unkompliziert bezeichnet werden Formen, die außer der spastischen
Tonuserhöhung in der Beinmuskulatur allenfalls leichte Sensibilitätsstörungen
(Gefühlsstörungen) in den Unterschenkeln und Füßen sowie leichte
Blasenentleerungsstörungen aufweisen. Als kompliziert werden seltenere
Formen der spastischen Spinalparalyse bezeichnet, die eine Störung der
peripheren Nerven (jenseits des Zentralnervensystems), eine Epilepsie,
eine Demenz, eine Ataxie (Störungen der Zielbewegungen) oder
Erkrankungen der Augen mit umfassen.
Obwohl
der Beginn der Erkrankung meist im zweiten bis vierten Lebensjahrzehnt
liegt, besteht hier eine große Bandbreite. Die spastische
Spinalparalyse kann von der Kindheit bis zum hohen Alter ihre ersten
Symptome zeigen. Die Patienten nehmen zuerst eine Steifigkeit der Beine
wahr, gefolgt von Gang- und Gleichgewichtsstörungen. Dies ist Folge der
oben beschriebenen spastischen Tonuserhöhung. Während Arme und Beine
beim Gesunden locker durchbewegt werden können, gelingt dies bei einem
Patienten mit einer spastischen Tonuserhöhung nicht so einfach. Je
schneller der Untersucher versucht, die Beine des Patienten zu bewegen,
desto stärker wirkt die Steifigkeit. Besonders ist bei der spastischen
Spinalparalyse die Muskulatur betroffen, die die Beine streckt. Das Bein
ist also im Hüft- und Kniegelenk typischerweise gestreckt, der Fuß ist
im Sprunggelenk nach unten gedrückt. Dadurch stolpert der Patient zunächst
öfter, und im Verlauf fällt das Gehen schwerer. Die Einschränkung
kann bis zur Rollstuhlabhängigkeit führen. Da die Armmuskulatur in der
Regel nicht betroffen ist, kann sich der Patient aber selbst versorgen.
Dabei ist das Fortschreiten der Erkrankung nur langsam, plötzliche
Verschlechterungen oder auch spontane durchgreifende Besserungen müssen
an andere Erkrankungen denken lassen. Einige Patienten mit
unkomplizierter Form und autosomal dominanter Vererbung zeigen einen frühen
Beginn vor dem sechsten Lebensjahr, weisen dann nach der Kindheit oder
Pubertät aber nur eine langsame Progredienz (Fortschreiten) auf. Diese
Personen haben meist keine Blasenentleerungsstörungen und bleiben im
allgemeinen auch (mit Hilfsmitteln) gehfähig.
Die
Kraft selbst ist bei den unkomplizierten Fällen nur gering beeinträchtigt,
sie kann durch die spastische Tonuserhöhung aber nicht gut eingesetzt
werden. Eine Atrophie (Verschmächtigung) der Muskulatur kommt
allenfalls gering ausgeprägt im Bereich der Beine vor. Leichte Störungen
der Sensibilität können an den Unterschenkeln und Füßen beobachtet
werden, besonders das Vibrationsempfinden und später eventuell auch den
Lagesinn betreffend, sind in der Regel aber nicht behindernd oder
beeinträchtigend. Blasenentleerungsstörungen kommen in etwa 30 bis 40%
vor in der Form von tropfenweise Urinabgang bei Anstrengung oder der
Notwendigkeit bei Harndrang sofort die Toilette aufsuchen zu müssen,
gelegentlich auch in Form einer Inkontinenz. Blasenstörungen treten in
der Regel aber spät im Krankheitsverlauf auf. Fußdeformitäten wie
Hohlfüße können bei etwa 30% der Patienten beobachtet werden.
Das
Alter zu Beginn der Symptomatik wie auch Fortschreiten und Ausmaß der
Funktionsstörung sind unterschiedlich innerhalb und zwischen einzelnen
betroffenen Familien. Dagegen ist die Verteilung der Symptome wie oben
beschrieben bei der unkomplizierten Form der spastischen Spinalparalyse
regelhaft.
Die spastische Spinalparalyse –
Neuropathologie
Welche
Strukturen des Nervensystems sind durch die spastische Spinalparalyse
betroffen? Im Vordergrund steht bei der unkomplizierten Form mit
autosomal dominanter Vererbung eine Degeneration (Untergang) der Axone
(Nervenfasern) der längsten Bahnsysteme des zentralen
Nervensystems. Es sind dies die motorischen Fasern, die vom Gehirn zum Rückenmark
ziehen, der sogenannte Tractus corticospinalis, die das sogenannte erste
motorische Neuron umfassen. Veränderungen sind auch in den Fasern zu
finden, die die Informationen der Sensibilität über das Rückenmark
zum Hirnstamm transportieren, der sogenannte Fasciculus gracilis. Fasern
vom Rückenmark zum Kleinhirn (Tractus spinocerebellaris) sind in einem
geringeren Ausmaß betroffen. Die Zellkörper der erkrankten Fasern
bleiben erhalten. Die längsten Neurone haben das höchste Risiko zu
erkranken und die Veränderungen bestehen in den vom Zellkörper am
meisten entfernten Regionen (distal). Die Genveränderungen können aber
offenbar auf sehr unterschiedliche Weise zur Erkrankung dieser
Nervenfasern führen.
Wenn Sie mehr über die
spastische Spinalparalyse erfahren wollen, schauen Sie auch auf unsere
weiteren Internet-Seiten:
Zur Genetik:
www.spastische-spinalparalyse.de/genetik
Zur Therapie:
www.spastische-spinalparalyse.de/therapie
Eine ebenfalls sehr interessante Seite mit viel aktueller
Information zur Spastischen Spinalparalyse ist die HomePage der Tom
Wahlig Stiftung:
www.fsp-info.de
Die Tom Wahlig Stiftung fördert Forschungsprojekte,
veranstaltet Symposien und pflegt den Kontakt zu Betroffenen und
Behandlern.
Eine neu gebildete Selbsthilfegesellschaft, die
HSP-Selbsthilfegruppe Deutschland, hat seit März 2005 eine umfangreiche
Informationsseite in das Internet gestellt:
www.hsp-selbsthilfegruppe.de. Die Selbsthilfegruppe wurde entwickelt aus ihrer gemeinsamen Betroffenheit Solidarität, Verständnis und zur gegenseitigen Hilfe, um den Anforderungen des Alltags besser gerecht zu werden. Mitglieder lernen voneinander und
miteinander: Sie tauschen ihre Erfahrungen aus, entlasten
und ermutigen sich gegenseitig und eignen sich gemeinsame Fähigkeiten an.
Wichtig ist den Initiatoren dabei auch, dass die Selbsthilfegruppe nicht nur
den HSP-Betroffenen, sondern auch für Lebenspartner, Freunden und Verwanden
zur Verfügung steht.
Die
Ausführungen wurden nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft erstellt.
Sollten Ihnen Fehler oder Unklarheiten auffallen, bitten wir sie um
Mitteilung. Auch Anregungen werden gerne aufgenommen. Regelmäßige Überarbeitungen
und Ergänzungen sind vorgesehen.
Chefarzt
der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
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