Spastische Spinalparalyse – genetische Einteilungvon Dr. med. Carsten Schröter
Übersicht über die Symptome:
www.spastische-spinalparalyse.de Zur Therapie:
www.spastische-spinalparalyse.de/therapie
Die spastische Spinalparalyse – EinleitungDie spastische Spinalparalyse ist keine einzelne Erkrankung, sondern stellt eine Gruppe von genetisch und klinisch unterschiedlichen Erkrankungen dar. Diese sind charakterisiert durch eine spastische Tonuserhöhung (Steifigkeit) der Muskulatur der Beine. Klassifiziert wird die spastische Spinalparalyse nach der Vererbungsart und den Symptomen. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Genen aufgedeckt, die mit der Krankheit verbunden sind. Bei einigen Formen ist sogar das Produkt, welches durch das Gen produziert wird, bekannt. Hieraus leitet sich auch die Hoffnung ab, die Abläufe, die zum Auftreten der Erkrankung führen genauer zu verstehen und das Fortschreiten der Erkrankung eines Tages zuverlässig beenden zu können. Die spastische Spinalparalyse – Genetische Einteilung
FSP
steht für familiäre spastische Spinalparalyse
SPG
steht für spastic paraplegia gene.
Zur
Unterscheidung „kompliziert/unkompliziert“ siehe: www.spastische-spinalparalyse.de.
Die
Begriffe der verschiedenen Formen der Vererbung werden unten in den
Grundlagen der Genetik erklärt.
Wie
sind die Buchstaben und Zahlen bezüglich des Genortes zu verstehen? Die
Zahl bzw. das X an erster Stelle bezeichnen das Chromosom, das betroffen
ist. Die Chromosomen weisen in der Phase der Zellteilung einen langen
und einen kurzen Arm auf. Liegt das gestörte Gen auf dem langen Arm, so
folgt der Zahl ein q, liegt es auf dem kurzen Arm, ein p. Die danach
folgenden Zahlen benennen dann die weitere Aufgliederung in Form einer
Nummerierung der verschiedenen Regionen des jeweiligen Armes.
2p21-24
heißt also, dass der Genort auf dem Chromosom Nr. 2 auf dem kurzen Arm
und dort an der Stelle 21 bis 24 liegt.
Am
häufigsten wird die spastische Spinalparalyse autosomal dominant
vererbt. SPG 4 ist von den verschiedenen Formen der spastischen
Spinalparalyse die häufigste Form. Das Produkt dieses Gens ist das
sogenannte Spastin. Über 50 verschiedene Mutationen sind in diesem
einen Gen bereits beschrieben. Daraus resultiert, dass die Diagnostik
zum Nachweis des Gendefekts sehr schwierig ist. Die spastische Spinalparalyse – Grundlagen
der Genetik
Die humangenetische Beratung
sollen und können die folgenden Zeilen nicht ersetzen. Sie können aber
eine Grundlage für die Beschäftigung mit den genetischen
Fragestellungen darstellen. Die Zahl der menschlichen
Chromosomen, nämlich 46, ist erst seit 1956 bekannt. Man unterscheidet
22 Paare von sogenannten Autosomen, die vom Geschlecht unabhängig sind,
und 2 Geschlechtschromosomen, die Gonosomen. Die Frau hat zwei
X-Chromosomen, der Mann ein X- und ein Y-Chromosom. Chromosomen sind Fäden,
die aus der DNS, der Desoxyribonukleinsäure, bestehen. Die DNS ist um
Eiweißkugeln, die wie Perlen einer Kette angeordnet sind, gewunden.
Diese Kette wiederum ist in sich gewunden. Bereiche innerhalb eines
Chromosoms, die für die Produktion von jeweils einem bestimmten Eiweiß
zuständig sind, heißen Gene. Zwischen den einzelnen Genen sind
Bereiche, die unter anderem für das Ablesen der Information auf den
Genen wichtig sind. Andere z.T. sehr ausgedehnte Bereiche haben keine
bislang erkennbare Funktion. Drei Untereinheiten der DNS, sogenannte
Basen, bilden immer einen Sinninhalt im Code der Information, sie
kodieren jeweils eine Aminosäure.
Veränderungen
an Genen können während Zellteilungen auftreten, z.B. in den ersten
Zellteilungen der befruchteten Keimzelle,
Eine
spezielle Form der Störung ist die Punktmutation,
d.h., dass nur eine Base des Chromosoms verändert wurde. Dies kann
entweder zu geringen oder auch sehr schwerwiegenden Veränderungen führen.
Wird eine Base nur fälschlicherweise durch eine andere vertauscht
(Substitution), hat dies evtl. nur geringe Auswirkungen, da der
„Gesamttext“ sonst fast komplett korrekt gelesen werden kann. Zum
Beispiel:
Korrekte
Fassung:
AAB
CDA ABC
CBA DDA
ABD DBA...
bei
Vertauschung einer Base:
BAB
CDA
ABC CBA
DDA ABD
DBA...
¯
wird
der gesamt Rest des Gens falsch abgelesen!
Durch
diese Mechanismen kann es zu
mehr oder weniger ausgeprägten Veränderungen im Erbgut kommen, welches
sich zum Beispiel auch in Form und Ausprägung einer neuromuskulären
Erkrankung widerspiegeln kann. Die Veränderungen können sich aber auch im Bereich zwischen den eigentlichen Genen abspielen. Hier gibt es z.B. Sequenzen mit immer wiederkehrenden Wiederholungen (sogenannten Repeats), z.B. CTG CTG CTG CTG CTG etc.. Diese Repeats kommen in bestimmten Regionen bis zu einer bestimmten Länge auch beim Gesunden vor. Ab einer bestimmten Länge können sie aber zum Auftreten einer Erkrankung führen, wobei die Länge oft mit dem Ausmaß der Erkrankung korreliert.
Mutationen
treten als Konsequenzen der Naturgesetze auf. Diese gelegentlichen Änderungen
der genetischen Information waren für die Entwicklung des Lebens
notwendig und für die Evolution zu immer komplexeren Organismen. Die
meisten dieser biologischen und physikalischen Prozesse, die zu
Mutationen führen, wie z.B. die Zellteilung und die Höhenstrahlung, können
in keiner Weise geändert oder beeinflusst werden, Ausnahmen sind
bestimmte Medikamente, bei deren Einnahme auf ausreichende Verhütung
geachtet werden muss. Somit ist in der Regel niemand für Mutationen in
seinen Genen verantwortlich und kann auch nicht dafür verantwortlich
gemacht werden. Insbesondere haben die Eltern mit Überträgereigenschaften
keine Schuld für die Mutation, die eine erbliche Erkrankung
verursachte! Solche Vorwürfe sind wenig hilfreich bei der Bewältigung
der Probleme, die die Krankheit mit sich bringt.
Dabei
machen sich oft die Eltern oder der entsprechende Elternteil selbst
Schuldvorwürfe und können sich nicht von den nagenden Gedanken
freimachen. Hier kann eine psychologische Unterstützung sinnvoll und
notwendig sein.
Genetik Spastische Spinalparalyse - Die
verschiedenen Erbgänge
Autosomal
dominanter Erbgang
Immer
stehen hinsichtlich der Autosomen, also der Chromosomen, die vom
Geschlecht unabhängig sind, beim Gesunden zwei Exemplare und damit auch
zwei Gene in einer Zelle zur Verfügung - eins auf jedem Chromosom des
Elternpaares. Sie enthalten sich entsprechende, aber nicht komplett
identische Informationen. Wenn eines der beiden Gene stets über das
andere Gen überwiegt und dadurch für die Ausprägung eines Merkmals
allein maßgebend ist, wird es als dominant bezeichnet. Ein solches
Merkmal kann die Haarfarbe oder auch das Auftreten einer Erkrankung
sein. Der Erbgang ist dann autosomal dominant. Was das heißt sehen wir
an folgendem Beispiel:
„A“
sei das Gen, welches zum Auftreten einer Erkrankung führt, „a“ würde
zum gesunden Zustand führen, aber nur wenn es nicht von „A“ übertrumpft
würde. In den oberen Kästen sehen Sie die Genkombination eines der
Elternteile (schattiert), in den linken Kästen die des anderen
Elternteils (schattiert), in den übrigen Kästen die möglichen
Kombinationen bei den Nachkommen.
Risiko
zu erkranken: 1:1 (Aa erkrankt,
aa ist gesund)
Es
gelten folgende Kriterien:
Autosomal
rezessiver Erbgang
Rezessiv
ist ein Gen, wenn es nur zur Ausprägung des vom ihm kodierten Merkmals
kommt, wenn beide Gene den Defekt oder das Merkmal aufweisen. Beispiel:
„A“ würde zum gesunden Zustand führen, „a“ sei das Gen,
welches zum Auftreten einer Erkrankung führt, aber nur wenn es nicht
von einem „A“ übertrumpft würde. In den oberen Kästen sehen Sie
die Genkombination eines der Elternteile (Vater oder Mutter), in den
linken Kästen die des anderen Elternteils, in den übrigen Kästen die
möglichen Kombinationen bei den Nachkommen. Nur die mit einer
Schattierung markierte Kombination würde zu einer Erkrankung führen.
Risiko zu erkranken: 1:3
Es
gelten folgende typische Kriterien:
Eltern,
die beide gesund sind, das Merkmal aber auf einem der Gene tragen, haben
das statistische Risiko, dass von vier Kindern eines betroffen sein
kann. Zwei weitere Kinder werden - statistisch gesehen - wiederum
gesunde Träger diese Gens sein. Besonders ist das Risiko, dass zwei
gesunde Träger eines solchen Gens sich treffen, in Verwandtenehen
gegeben.
X-chromosomal
rezessive Vererbung
Die
Frau hat zwei X-Chromosomen, der Mann ein X- und ein Y-Chromosom. Beim
X-chromosomal rezessiven Vererbungsmodus ist die Frau Überträgerin des
Merkmals, die sogenannte Konduktorin. Sie selber ist in der Regel
gesund, sie hat ein weiteres X-Chromosom, auf dem ein „gesundes“ Gen
sitzt, welches sich durchsetzt und das Auftreten der Erkrankung
verhindert. In der Zelle der Frau ist eines der X-Chromsomen inaktiv.
Dabei ist es in einer Zelle dem Zufall überlassen, ob das eine oder das
andere X-Chromsom aktiv ist. Ist zufällig ganz vorwiegend das gesunde
X-Chromosom inaktiv, so kann die Frau auch Krankheitszeichen aufweisen.
Im Schema sind in den oberen Kästchen das X- und das Y-Chromosom des
Vaters, in den linken Kästchen die X-Chromosomen der Mutter angegeben.
Die markierten Felder sollen angeben, dass hier ein X-Chromosom die
Information für das Auftreten der Erkrankung beinhaltet. Nur der Junge
(XY) wird wahrscheinlich erkranken.
Risiko
zu erkranken: für Jungen 50%, für Mädchen 0% (s. aber Ausführungen
oben), Risiko eine Konduktorin zu sein 50%. Wenn Sie mehr über die
spastische Spinalparalyse erfahren wollen, schauen Sie auch auf unsere
Internet-Seiten:
Übersicht allgemein:
www.spastische-spinalparalyse.de Zur Therapie:
www.spastische-spinalparalyse.de/therapie
Eine
ebenfalls sehr interessante Seite mit viel aktueller Information zur
Spastischen Spinalparalyse ist die HomePage der Tom Wahlig Stiftung: www.fsp-info.de Die Tom Wahlig Stiftung fördert Forschungsprojekte, veranstaltet Symposien und pflegt den Kontakt zu Betroffenen und Behandlern.
Eine neu gebildete Selbsthilfegesellschaft, die
HSP-Selbsthilfegruppe Deutschland, hat seit März 2005 eine umfangreiche
Informationsseite in das Internet gestellt:
www.hsp-selbsthilfegruppe.de. Die Selbsthilfegruppe wurde entwickelt aus ihrer gemeinsamen Betroffenheit Solidarität, Verständnis und zur gegenseitigen Hilfe, um den Anforderungen des Alltags besser gerecht zu werden. Mitglieder lernen voneinander und
miteinander: Sie tauschen ihre Erfahrungen aus, entlasten
und ermutigen sich gegenseitig und eignen sich gemeinsame Fähigkeiten an.
Wichtig ist den Initiatoren dabei auch, dass die Selbsthilfegruppe nicht nur
den HSP-Betroffenen, sondern auch für Lebenspartner, Freunden und Verwanden
zur Verfügung steht.
Die
Ausführungen wurden nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft erstellt. Sollten
Ihnen Fehler oder Unklarheiten auffallen, bitten wir sie um Mitteilung. Auch
Anregungen werden gerne aufgenommen. Regelmäßige Überarbeitungen und Ergänzungen
sind vorgesehen.
Chefarzt
der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
Weitere Medizinische Informationen
Sagen Sie uns ruhig mal
Ihre Meinung!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
Weitere Fragen? Ihre Meinung? Tel.: 05652 – 55 861, FAX 05652 – 55 814
Klinik Hoher Meissner Haftungshinweis: |